Alle Kunst will Aufmerksamkeit. Wenn lauter, größer, teurer nicht mehr hilft, können gerade eher beiläufige Interventionen wieder überraschen. Oder der Künstler versucht, nicht vorrangig die Augen anzusprechen, sondern die Ohren. Heiko Wommelsdorf fordert die Aufmerksamkeit durch klangbasierte Rauminstallationen heraus. Das ist immer noch etwas Besonderes. Denn angesichts des unvergleichlichen Siegeszuges des Visuellen, ist die Bereitschaft zu Hörerlebnissen eher eingeschränkt. Lärm wird gehasst und Musik geliebt, aber nur selten erfährt all das gesteigerte Aufmerksamkeit, was dazwischen verortet ist. Nicht zuletzt aufgrund der Leichtigkeit, wegzugucken, ist das Primat des Auges unangetastet. Weghören ist erheblich schwerer, erfordert starken Willen oder langes gewöhnen. Auch bei Kunst im öffentlichen Raum fühlen sich die Bürger weniger durch Visuelles provoziert, als durch Klangereignisse – regelmäßig wiederkehrende besonders.

Dabei hat Klangkunst eine lange Geschichte – wenn auch nicht unter diesem Namen. Musikalisch-mathematisch berechenbare Weltenharmonie wird seit Jahrtausenden gesucht. In den Vorstellungen kosmischer Ordnung singen die Sterne und die Kathedralen sind nach musikalischen Proportionen gebaut. Die bürgerliche Welt hat aber die Künste strikt getrennt und Bild und Ton je für sich entwickelt und ihnen jeweils eigene Tempel errichtet. Zugleich wurde aber im 19. Jahrhundert in der Blüte der Oper und mit der Idee des Gesamtkunstwerks eine Sehnsucht nach ganzheitlicher und synästhetischer Wahrnehmung und Verzauberung genährt. Futurismus, Dada und Fluxus haben dann im 20. Jahrhundert diese Träume auf den Alltag herunter gebrochen, in ihre ganzheitlichen Vorstellungen die Dissonanzen und Geräusche aufgenommen.

Die Ohren lassen sich von Natur aus nicht verschließen. Der Hörsinn ist der einzige Wahrnehmungskanal, der nicht ohne größeren Aufwand abzuschalten ist. Allerdings funktioniert er nicht ganz autonom, das Gehirn steuert mit seinem Vorwissen die Wahrnehmungsschwelle, zumal wenn Geräusche nerven. Was den einen Lärm, ist den anderen „Neue Musik“. Während die einen aufwachen, wenn ein Blatt zu Boden fällt, sind es andere gewohnt, sich auch durch Verkehrslärm nicht im Schlaf stören zu lassen. Dabei sind nicht nur unvermeidbare Lärmquellen allgegenwärtig, Geräusch wird oft gezielt eingesetzt: Kinder dominieren mit Geschrei, Halbwüchsige und Nie-Erwachsene mit wummernder Musik, Blaskapellen oder Dudelsäcken. Die subkulturelle Raumnahme erfolgt sogar primär durch Sound: Es artikulieren sich unüberhörbar folkloristische Minderheiten vom Heimatlied bis zum Türkenbeat. Musik ist in der Werkstatt oder im Auto als Hintergrund allgegenwärtig, sie bildet einen sozialen Kitt, animiert als Musak in Supermärkten und dient in Bahnhöfen als Pazifizierungsmittel und zur Vertreibung der Obdachlosen.

Stille hingegen wird inzwischen eher als irritierender Mangel statt als positive Qualität wahrgenommen. „Die Vergangenheit war eine einzige Stille. Im 19. Jahrhundert entstand mit der Erfindung der Maschinen das Geräusch. Heutzutage herrscht das Geräusch unumschränkt über die menschliche Empfindung.“ Das schreibt der italienische Maler und autodidaktische Klangkünstler Luigi Roussolo 1913 in „L’arte di Rumori“, einem der futuristischen Manifeste. Das war damals durchaus positiv gemeint: Die Futuristen vergötterten geradezu die vielfach überlagerten Geräusche und Bildeindrücke, sie schätzten den Lärm, bis hin zum Kriegsgedonner in einem aus heutiger Sicht geradezu menschenverachtenden Ausmaß. Dass „die gute alte Zeit“ nur Stille kannte, ist allerdings nicht korrekt. Schon aus dem alten Rom gibt es Texte, in denen sich bitter über den viel zu großen Lärm der Großstadt beschwert wird. Was aber die Futuristen auszeichnet ist, dass sie erstmals jegliche Art von Geräusch auch als Musik verstehen konnten.

Roussolo baute seltsame Instrumente, sogenannte „Intonarumori“ (etwa: „Geräuschtöner“). Diese mit Schalltrichtern und mechanischen Lärmerzeugern ausgestatten Kästen wurden damals zu ganzen Orchestern zusammengestellt. Einige dieser Gerätschaften erinnern vage an etwas, was Heiko Wommelsdorf – wenn auch viel weniger demonstrativ – manchmal aufbaut. In einer seiner Werk-Reihen arbeitet er mit Abluft-Nasen, industrieüblichen Teilen von Lüftungsanlagen. Die sind aber nicht im Raum ausgestellt präsent wie Ready-mades, die übersehene Formen des Alltags ins Bewusstsein rufen. Sie scheinen eher zur Raumausstattung zu gehören. Und ihnen wird mittels Ventilatoren oder elektronischer Geräuschaufzeichnung Leben einhaucht. Das macht sie zugleich „realer“ und „musikalischer“ – letzteres allerdings nur, wenn ihre artifizielle Disfunktionalität erkannt wird.

Solche „Musik des Alltags“ ist ein Kernpunkt aller Installationen von Heiko Wommelsdorf. Er verstärkt den Klang kaputter Leuchtstoffröhren, lässt alte Fernseher miteinander interagieren oder verfremdet und re-arangiert frühe elektronische und elektrische Geräte aus seinem großen, lange angesammelten Fundus. Aber auch analoge Tongeber werden eingesetzt: zersägte Schallplatten und mechanisch veränderte Spieluhrwalzen, rhythmische Wassertropfen oder knarzende lose Fußbodenbretter, überhaupt alle Arten von Eigengeräuschen der Objektwelt – von gluckernden Heizungen bis zum noch nie bewusst bemerkten Ticken des Uhrwerkes eines museumsüblichen Thermo-Hygrographen.

Einmal wahrgenommen, macht jedes Klangereignis über seinen Eigencharakter hinaus den Fluss der Zeit bewusst. Denn es ist unmöglich, dass dem einen Ton nicht ein anderer vorausgeht oder folgt. So wird ein zeitlicher Ablauf hörbar und ein Hörraum erlebbar. Ob als Geräusch oder Musik empfunden, ist dies das besondere Feld der Klangkunst. Dabei fällt dem Auge immer noch die Funktion zu, sich auf das Material der Klangquellen zu konzentrieren, manchmal aber auch, sich an den für Klangereignisse entwickelten Notationssystemen zu erfreuen. In seinen Forschungen dazu, wie sich Klänge visualisieren lassen oder Visuelles unmittelbar zu Klang wird, hat Heiko Wommelsdorf 2013 Muster in Lochstreifen stanzen lassen und sie dann später in eine Spieluhr eingefüttert. Und auch Licht und Schatten sind für seine die Synästhesie ansprechenden Arbeiten nicht unwichtig, selbst wenn es vorrangig um deren Geräusche geht.

In der Strukturierung der Wahrnehmungszeit ist die Klangkunst stärker den Verlaufskunstformen wie Performance, Konzert und Film verwandt als der bildenden Kunst. Doch obwohl ihre Abläufe klar organisiert, ja komponiert sind, lässt sie den Rezipienten viel mehr Freiheit. Denn seine Positionierung zum Klanggeschehen und seine Verweildauer sind ihm hier freigestellt: Das langsame Bemerken der Soundquelle, das selbstentdeckende Hören und die Veränderungen des einmal verstandenen Klanges durch die Bewegung vor Ort. Alle Kunst fordert einen aktiven Rezipienten. Doch macht auch intensivste Beschäftigung mit einem Bild keinen Maler, die mit einer Skulptur keinen Bildhauer. Die Klangkunst aber macht den Rezipienten in seinem individuellen Umgang mit dem Werk in Raum und Zeit selbst zum Komponisten. Zudem erzeugt Klangkunst über das jeweilige Werk hinaus eine hohe Aufmerksamkeit, denn sie zwingt zum wachen Hinhören auf die Allgemeinheit aller Klangereignisse, um das jeweils besondere nicht zu verpassen. Schon das Label Klangkunst allein kann solche Haltung erzeugen. Heiko Wommelsdorf spielt oft mit diesem Verhältnis zwischen beiläufiger und ausdrücklicher Präsens seiner Arbeiten. Er liebt es, wenn seine Interventionen sich zuerst unbemerkt in den jeweiligen Ausstellungskontext einfügen, selbst um den Preis des Paradoxons, so als eigenständiger Künstler gar nicht sichtbar zu werden. Denn gerne werden Lüftungsklappen, die flackernde und klickernde Neonröhre und die in einen Bau-Eimer abtropfende Decke für „Fehler“ des White Cubes gehalten: „Einen schönen Ausstellungsraum habt ihr hier, aber ihr hättet doch auch noch schnell den Wasserschaden reparieren können!“

Doch auch wenn die Präsentationsform sich manchmal sehr zurücknimmt oder fast anekdotisch erscheint, die Klangkunst von Heiko Wommelsdorf täuscht, unterwandert und schärft die Aufmerksamkeit. Sie ist durch ihren notwendigen Raumbezug auch Institutions-, Design- und Architekturkritik. Für seine Arbeit schöpft der Meisterschüler von Ulrich Eller, Professor für Klangskulptur und Klanginstallation an der HBK Braunschweig, aus zwei Bereichen: Von der Seite der Kunst arbeitet er mit unerwarteten Objekten, neugefundenen Kombinationen und ins Bewusstsein verstärkten Geräuschen. Im engeren Umgang mit seinen Sound-Quellen, in der Verwendung beispielweise von Loops und Phasenverschiebung, bezieht er sich auf die amerikanische Minimal-Musik von Steve Reich, Terry Riley, Philip Glass und vom viel zu unbekannten Colon Nancarrow sowie selbstverständlich auf John Cage.

Heiko Wommelsdorf präsentiert Klang in seiner Ambivalenz zwischen individueller Wahrnehmung und existentieller Präsenz, zwischen Stille, Signal und Lärm. Dabei sind diese Arbeiten grundsätzlich in keinem Medium zur Gänze reproduzierbar. Weder Photos, noch Audioaufzeichnungen, noch ein Video vermag die individuelle Wirkung im Raum und den offenen Rezeptionsprozess wiederzugeben. Aber sie haben eine weitergehende Wirkung: Die durch sie geschärfte Wahrnehmung beginnt, sich frei vagabundierend auf alles Mögliche zu erstrecken: Gehört dieses oder jenes Geräusch zur Inszenierung des Künstlers? Und: In welcher Klang-Inszenierung laufen wir eigentlich im Alltag herum? Wenn Heiko Wommelsdorf mit Studenten arbeitet, gibt er ihnen oft als erstes einfach ein Mikrophon und lässt sie damit durch die Stadt gehen. Denn die Technik gibt die Geräusch-Umwelt ohne die Filter des Gehirns wieder… und manche entdecken, dass derartige Geräusch-Überlagerungen ziemlich erschreckend sind. Aber auch faszinierend.

„Wenn wir eine moderne Großstadt mit aufmerksameren Ohren als Augen durchqueren, dann werden wir das Glück haben, den Sog des Wassers, der Luft oder des Gases in den Metallröhren, das Brummen der Motoren, die zweifellos wie Tiere atmen und beben, das Klopfen der Ventile, das Auf und Ab der Kolben, das Kreischen der Sägewerke, die Sprünge der Straßenbahn auf den Schienen, das Knallen der Peitschen, und das Rauschen von Vorhängen und Fahnen zu unterscheiden. Wir haben Spaß daran, den Krach der Jalousien der Geschäfte, der zugeworfenen Türen, den Lärm und das Scharren der Menge, die verschiedenen Geräusche der Bahnhöfe, der Spinnereien, der Druckereien, der Elektrizitätswerke und der Untergrundbahnen im Geiste zu orchestrieren“, so schreibt Luigi Roussolo. Auf dem damaligen Stand der Technik war seine Idee, dies alles mechanisch ausdrücken zu wollen. Heute kann man das besser elektronisch realisieren. Und seit John Cage kann man sagen, dass alles Hörbare Musik ist, auch die Pause. Selbst die ausdrückliche Abwesenheit von Tönen heißt nicht, dass es nicht dennoch Klänge gibt – und seien es noch so minimale Umweltgeräusche. Melodien verstopfen die Ohren. Arbeit mit Klang öffnet sie. Auch für vermeintliche Stille.

Es ist nicht das Bild, das uns im Raum verortet, da hilft auch kein Gefuchtel mit den seuchenhaft verbreiteten Selfie-Stangen: Nicht so nahe beieinander, wie die Augen, sind es die mit 360 Grad den ganzen Ort ausforschenden Ohren. Die Klangkunst von Heiko Wommelsdorf bietet die Möglichkeit, das Denken über die Welt vom Primat des so überstrapazierten Bildes zu befreien und mit wachem Hörsinn das Raum/Zeit-Gefüge neu zu entdecken.


Hajo Schiff (Kunstmittler)
In: „Ars Borealis #35: Muthesius-Preisträger Kunst 2014“, Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein, Carius Druck, Kiel
2015