Vermessen wird heute mehr denn je. Ob Schritte die wir täglich gehen, Kalorien die wir essen, Regenwahrscheinlichkeit in Prozent: Zählbare Größen, exakte Angaben sind zum Fetisch, das Quantified Self zum neuen Ichparadigma geworden. Und viel wurde geschrieben über die psychologischen Effekte, die Ursachen, die gesellschaftlichen Implikationen dieser Entwicklung – von der Gameficiation des Lebens bis zu Möglichkeiten der Manipulation – aber nie wurde dieser Fetisch als das bezeichnet, was er letzlich ist: Aberglaube, magisches Denken. Wie Wünschelrutengehen, wie Feng Shui, ist die Idee fixe, dass Zahlen niemals lügen, schließlich nichts weiter als eine höchst wirksame Suggestion von Kontrolle, die uns vorspiegelt, dass in einer Welt ohne Sinn alles in Ordnung ist, unser Leben in geregelten Bahnen verläuft. Läuft man 10 km am Tag, lebt man ewig.

Magisches, vor-rationales Denken, die Annahme eines so nicht real vorhandenen Wirkungs-zusammenhangs, gilt in der Psychologie als kindliches Verhalten, als Kennzeichen von so bezeichneten „Naturvölkern“ und kann in westlichen Gesellschaften im Erwachsenenalter zwar als psychologisches Krankheitssymptom gesehen werden. Dennoch ist diese Praxis weiter verbreitet ist, als man annehmen möchte. Das Quantified Self ist nur ein Bereich, in dem es sich manifestiert – es geht auch simpler: Wenn ich fest bete, bin ich nicht schwanger. Wenn ich ganz fest die Daumen drücke, dann steigt der HSV nicht ab.

Heiko Wommelsdorf befasst sich mit magischem Denken in einer Branche, in der Aberglauben weiter verbreitet zu sein scheint als anderswo: Der Kunstwelt. In einer Welt, in der Signaturen und Zahlen auf Fotoabzügen und simplen Inkjet-Drucken auf magische Weise Wert herstellen, in der durch auf Zettel gedruckte Beschwörungsformeln aus Ton, Metall, Plastikgebilden begehrte Güter werden, an die man glauben muss, findet Heiko Wommelsdorf nun einen kleinen tickenden Kasten, in dem all das kulminiert: den Thermohygrographen. Ein Apparat, der im sämtlichen Ausstellungsräumen landauf und landab unermüdlich und unbestechlich kaum wahrnehmbare Schwankungen in Temperatur und Luftfeuchtigkeit auf Papier aufzeichnet, gilt als wichtiger Verbündeter für die sichere Verwahrung von dauerhaften Werten: kostbare Kunstwerke brauchen beständige Bedingungen, dürfen keineswegs feucht, warm werden.

Diese angeblich reale Funktion ist allerdings längst nur ein Vorwand – Alarm schlagen sie schließlich nicht, nicht in Echtzeit wird reagiert, sondern erst hinterher wird ausgewertet, wenn alles kaputt ist. Viel wichtiger ist nämlich auch hier die Autosuggestion – und längst nicht nur von Schutz. Noch aus anderen Gründen sind die Apparate im Kunstbereich nämlich dringend notwendig: Es ist die Suggestion für die Besuchenden, die sich damit sicher sein können, in eine offizielle Räumlichkeit für Kunst geraten zu sein, in der Objekte von wahrem Wert – die ja nun nicht zu warm oder zu kalt gelagert werden dürfen – ihrer Blicke harren. Es ist die Suggestion für die Betreiber*innen, die sich damit selbst versichern, professionell und verantwortungsvoll zu arbeiten. Und vor allem ist das ewige Ticken die Suggestion der Überzeitlichkeit der immer währenden Kunst, die Menschheit überdauern soll.

Der Thermohygrograph ist damit ein Talisman, die beschriebenen, mit unentzifferbaren Graphen versehenen Zettel die sie Woche für Woche ausspucken ein Bannbild, als könnte man mit den Linien auf Millimeterpapier böse Geister fernhalten. Wie das Fake-Biosiegel im Diskontsupermarkt, wie ein Traumfänger, wie die Finger im Taufbecken. Wenn ich in drei Schritten an der Ampel bin, dann wird sie grün. Und wenn gleich grün wird, dann schaffe ich die Prüfung. Und wenn wir im Ausstellugnsraum zwei ganz reale, naturwissenschaftlich messbare Größen aufzeichnen, dann schaffen wir hier, in einer Welt, die völlig in der Luft hängt, die nur durch den Glauben an sie gestützt wird, echte Werte.


Raphael Dillhof
In: „Thermohygrograph – Institutionelle Störungen“, Heiko Wommelsdorf, LASERLINE Druckzentrum, Berlin
2018