Akustische Erforschung von Räumen sowie die Überlagerung von Lichtimpulsen prägen die Arbeiten des noch jungen mit Klang, Licht und Raum arbeitenden Künstlers Heiko Wommelsdorf.

Gemeinsam ist den Arbeiten der vergangenen Jahre, dass Bewegungen, von seinen Objekten ausgehend, in den Raum abstrahlen. Hierdurch werden Räume verändert, neu entdeckt und ungeahnte Spuren freigelegt. Skulpturale Objekte bilden ein sichtbares Zentrum, eine Gliederung, die dann in den Raum hinein, auch im Sinne ortspezifischer Installationen, vergrößert und erweitert werden. Räume werden auf diesem Weg durch Klang und Licht bewegt. Sie beginnen zu leben. Und werden gelegentlich auch revitalisiert. Dabei können die Arbeiten auf einen Ort, ein Zimmer begrenzt sein oder auch in ein ganzes Gebäude eingelassen, installiert werden. Vorgefundene Räume werden in jedem Fall mit vielen Varianten zum unverwechselbaren Teil der Arbeit. Ob nun in einer Galerie, in einem leer stehenden Wohnhaus, einer Halle, einer alten Fischfabrik in Cuxhaven, in einem Pförtnerhäuschen – wie jenem des Gerhart-Hauptmann-Hauses auf der Insel Hiddensee – jeder Raum erzählt durch die atmosphärischen Reste etwas von seiner Geschichte und Funktion. Diese wird unweigerlich in Erinnerung gerufen. Kein Element ist daher beliebig – nichts lässt sich austauschen, ohne den Charakter der Arbeit massiv zu verändern. Immer bildet die Arbeit den skulpturalen Kern, der von der Umgebung reflektiert wird. Der Raum ist mehr als nur ein Rahmen: Er steuert seinen architektonischen, funktionalen und historischen (Bau)Körper mit vielen Eigenschaften bei und wird so Teil der Arbeit. Funktionale Elemente, etwa eine Lüftungsanlage in der Montagehalle der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (2012) können in Verbindung mit den spezifischen Resonanzen der Halle in eine atmende Klanginstallation überführt werden. Eine gefundene Funktion; neu interpretiert. Die Verschlussklappen und Lüfter mit ihren zahlreichen Gebläsen und Ventilen in unseren Städten mit all den U-Bahn-, Klima- und Abluftanlagen im öffentlichen Raum, erinnern dabei an das große Instrument der Orgel.

Technik

Mit spielerischem Interesse und künstlerischem Tiefsinn, das seinen Ursprung vor allem in den 1960er Jahren hat, ergründete Heiko Wommelsdorf in den vergangenen 10 Jahren vor allem ausrangierte Geräte der Unterhaltungselektronik. So werden Fernsehund Rundfunkapparate, Schallplattenspieler und Anderes zu neuem Leben erweckt. Meist werden ganzen Gruppen zum Ensemble arrangiert und es entstehen Formate, die an kammermusikalische Besetzungen erinnern. Die eigentlich zur Reproduktion hergestellten Geräte werden Medium und Impulsgeber, deren Resonanzen damit neue Erfahrungsräume freilegen. Eine für Wommelsdorf zur Handschrift gewordene Technik ist das aus der experimentellen Phase der Minimal Music weiterentwickelte Verfahren der Überlagerung ähnlicher Impulse. So auch die Lichtarbeit Klanglumineszenz, die in Zusammenarbeit mit Manuel Haible und Georg Werner 2010 entwickelt wurde – eine Installation, die vorhandene Neonröhren und deren Startergeräusche zum Instrument erhebt. Werden die 16 Leuchtstoffröhren gestartet, so findet eine Art Wettlauf statt. Mit kleinen Abständen erleuchten die Röhren und geben durch ihre Starter eine akustische Folge von Impulsen ab, die ihr visuelles Pendant im Flackern der Röhren finden. Es entstehen visuelle und akustische Muster, die später wenn ein Zustand der Ruhe erreicht ist nachklingen. Jede Röhre strahlt ihr akustisches Schwingungsmuster ab, jede Röhre hat ein minimal anderes, weißes Licht. Puls und Verschwinden kennen wir aus anderen Arbeiten von Wommelsdorf, etwa aus TVPhase (2009). Auch hier entstehen aus dem pulsierenden Aufflackern von s/w Bildern von 7 Fernsehgeräten visuelle und akustische Muster.

In einer anderen Arbeit werden die akustischen Muster einer Gruppe von 12 manuellen Spieluhren genutzt, um Ähnlichkeiten und Abweichungen von Einzelereignissen im Verhältnis zum Gesamtklang vorzuführen. Der Besucher ist aufgefordert selbst Hand an zu legen und wird mit Klang belohnt. Hier werden, wie in vielen anderen Arbeiten, die akustischen Formen immer erst durch den Raum moduliert, in dem sie sich ausbreiten. Wommelsdorf kennt die Vorläufer Usamerikanischer Moderne wie John Cage, David Tudor, Tony Conrad, Alvin Lucier und Steve Reich beinahe aus erster Hand. Zumal er bei so prominenten Lehren wie Arnold Dreyblatt in Kiel und Ulrich Eller in Braunschweig studiert hat, die selbst Teil der US-amerikanischen Szene waren. Bereits heute legt der Künstler eine bemerkenswerte Liste an Werken vor. Jedes neue Werk erobert neues Terrain.

Reflexion

Impuls, Reflex und Überlagerung bieten sich als Konzept dann besonders gut an, wenn Wommelsdorf öffentliche Räume auf deren Resonanzen hin untersucht. «Wie», so scheint eine ihn ständig antreibende Frage zu lauten, «breiten sich Schallwellen im Raum aus? Welche Oberflächen färben den Klang auf ihre besondere Weise?» Zur Beantwortung solcher und ähnlicher Fragen brauchte er lediglich ein konstantes Tropfen. In einem inszenierten Wasserschaden tropft es von der Decke eines Gebäudes in einen metallenen Eimer. Durch den Aufprall auf die Wasseroberfläche entsteht ein feiner Tropfen-Klang. Wommelsdorf zeigt nun, dass der Eimer selbst zum Resonanzgefäß wird und sich mit dem verändernden Wasserstand der Ton ändert, wie auch der Winkel der Wasseroberfläche zum auf die Oberfläche aufschlagenden Tropfen. Eine Modulation ist die Folge, Varianten eines Tropfens entstehen. Vom Standort des Eimers nun im Raum und dessen materiellen Beschaffenheit hängt es ab, wie sich das Klangbild in dem Gebäude entfaltet.

Intervention

Wommelsdorf erkundet mit dieser Technik seine Orte, was auch als Architektonische Intervention, als Eingriff in bestehende Gebäude seit den späten 1960er Jahre durch Gordon Matta-Clark und Rachel Whiteread praktiziert wurde. So ähnlich auf den ersten Blick die erwähnten Verfahren sich mit einer ganzen Reihen von Vorbildern auch verbinden ließen – wie im Bereich der «Tropfenden Künstler» George Brecht, John Cage, Terry Fox oder auch Jackson Pollock, die die Beschleunigung und den Aufprall auf konkreten Oberflächen zum Werke machten – so entledigt sich Wommelsdorf doch dieser, da er die bekannten Verfahren in neuen, architektonischen und urbanen Zusammenhängen erprobt.


Dr. phil. Dr. Ing. habil. Christoph Metzger (Musikwissenschaftler und Kurator)
In: „Heiko Wommelsdorf – 2007-2012“, Heiko Wommelsdorf
2013