Betritt man den Hausflur der Jakobistraße 5, so könnten einem nun ungewohnte Klänge jenseits der Alltagsgeräusche entgegenschallen. Heiko Wommelsdorf funktionierte das Kabinett für seine Arbeit „Spieluhr“ (2013) um und platziert ein Klangobjekt im Flur. Die modifizierte Spieluhr kann hier von jedem Vorübergehenden aufgezogen werden und verwandelt den Treppenaufgang daraufhin in einen Klangraum.

Das industriell gefertigte, mechanische Musikinstrument wurde von Heiko Wommelsdorf per Hand tranformiert. Die ursprüngliche Melodie der Walzen- Spieluhr – das romantische Wiegenlied „Der Mond ist aufgegangen“ – wurde von ihm bearbeitet und in einen neue Komposition überführt. So entfernte er verschiedene Tonzungen und Stahlstifte auf der Tonwalze der Spieluhr, um eine eigene Melodie aus den Möglichkeiten der ursprünglichen Töne zu kreieren. Das neue Musikstück ist dabei eine Endlosschleife ohne bestimmten Anfang oder Ende, wie es bei Spieluhren üblich ist.

Um die Melodie erklingen zu lassen, muss der Rezipient selbst aktiv werden und an der Schnur der Spieluhr ziehen. Je nach Lautstärke der Umgebungsgeräusche wird die Melodie sogar bis in die einzelnen Wohnungen zu hören sein und die Stimmung im Hausflur beeinflussen.

Dabei erfährt die ursprüngliche Spieluhr, ein Objekt, das für viele Menschen mit Einschlafritualen der Geborgenheit im Kleinkindalter verbunden ist, eine mehrfache Verschiebung. Heiko Wommelsdorf entnimmt nicht nur Spieluhrenwerke aus Kuscheltieren, die er hierfür aufschneidet und entweidet, sondern verändert auch das Wiegenlied zu einer neuen Komposition, die von denselben Tonhöhen und Tonlängen ausgeht, aber aus dem Vorhandenen ein neues Klangbild erschafft. So verschiebt Heiko Wommelsdorf einen gefundenen Alltagsgegenstand der Massenware in die Kunstsphäre und transformiert ihn dabei zu einem künstlerischen Unikat mit eigenem Klang. Dabei löst er die Spieluhr aus ihrer Aura der kindlichen Lieblichkeit und stellt sie als Klangobjekt akustisch und visuell frei.

Mit der eigens komponierten Melodie seines Klangobjektes „Spieluhr“ bringt Heiko Wommelsdorf nun den funktionalen Transitort des Treppenhauses als großen Resonanzraum zum Schwingen und Klingen.


Julia Katharina Thiemann (Kuratorin)
über die Arbeit „Spieluhr“
2013