Alles ist vorbereitet: der Raum ist bestuhlt, das Licht ist aus, die Vorhänge noch geschlossen – es ist ein Warten auf den Auftritt. Sieben Bühnen sind bereitet, sieben Akteure warten in den Boxen – es ist ein großer Auftritt. Ton – X – Start, die Projektoren laufen sich bereits warm. Und wieder Ton – X – Start, Ton – X – Start … die Synchronisierung findet statt, der Pegelton sitzt auf X, jedoch der Funke springt nicht über. Der Start bleibt aus, der Vorhang geschlossen.

Die Sequenz „Ton – X – Start“ diente in Zeiten des analogen Films der Justierung von Ton- und Bildspur beim Abspielen auf einem Super 8-Projektor. Um Verschiebungen vorzubeugen, war sie vor den eigentlichen Film geschnitten. In Heiko Wommelsdorfs Installation rückt diese technische Markierung nun vom Rand des Filmes in den Mittelpunkt des Geschehens. Sieben Videoprojektoren werfen in schnellem Wechsel die Worte „Ton – X – Start“ auf die geschlossenen Vorhänge, begleitet jeweils von einem Pegelton, der exakt auf X sitzt. Der Film besteht einzig aus der sich immer wiederholenden Bild-Ton Sequenz, die auf allen Projektoren gleichzeitig läuft. Jedoch sind die Tonhöhen des Pegeltons, in der Tonhöhe verändert (gepitcht). Jede Projektion wiederholt also unablässig dieselbe Bild-Sequenz mit einem jeweils unterschiedlich hohen Pegelton. Und dann laufen die Dinge aus dem Ruder: wir beginnen in der mechanischen Wiederholung der Sequenzen Differenzen wahrzunehmen. Obwohl elektronisch geklont, werden die identischen Sequenzen nicht synchron wiedergegeben. Geringe Abweichungen in der Abspielgeschwindigkeit werden durch beständiges Repeat der Abspielgeräte multipliziert und damit überdeutlich – die Sequenzen laufen auseinander. Die technische Bild-Tonmarkierung, die als filmische Passamarke – als Messpunkt für Synchronizität dient – erhält ein Eigenleben. Die zunehmende Phasenverschiebung erzeugt eine Melodie. Wie das Stottern eines Autos im Winter durch beständiges Drehen am Zündschlüssel, welches letztlich seinen Dienst versagt und – weil zu kalt, der Vergaser längst geflutet, die Zündkerzen verölt – doch nicht anspringt, werden die wiederholten Startversuche zum Rhythmus. Mit dem Einsatz des „phase shifting“ bezieht sich Heiko Wommelsdorf auf eine Kompositionstechnik, die ihren Ursprung in den Samples von Steve Reich der 60er Jahre und der Minimal Music der frühen 70er Jahre hat. Die mechanische Wiederholung einfacher Grundmuster, die sich gegeneinander verschieben, ignoriert Konventionen des Komponierens zugunsten einer Eigendynamik der Muster, deren Anfang und Ende weit außerhalb des präsentierten Ausschnittes zu liegen scheint. Die Installation Ton – X – Start verzichtet auf harmonische Komplexität und setzt zur Rhythmuserzeugung allein die Trägheit der Geräte ein.

Die besonderen klanglichen Eigenschaften gerade solch heute „obsoleter“ Geräte sind es, die Heiko Wommelsdorf untersucht und in seinen Arbeiten immer wieder zum Einsatz bringt. Super 8-Projektoren, Baby-Phones, Gegensprechanlagen oder Röhrenmonitore werden aufgrund ihrer Fehlerhaftigkeit zu Tonerzeugern, eines mitunter selbst geschaffenen Notensystems. Akustische Muster interagieren mit Lichtpattern der Bildprojektionen und bilden einen moiré-artigen Gitterraum, der sich stetig neu generiert. So entstehen Bild-Ton-Interaktionen, die, wie bei Ton – X – Start, den eigenen Raum beschreiben und zur begehbaren Komposition werden. Das Stück hat die Bühne verlassen und findet im Raum statt.


Prof. Thorsten Goldberg
In: „Gottfried Brockmann Preis 2009“, Stadtgalerie Kiel
2009