In einem Großteil seiner eindrucksvollen Arbeiten verwendet Wommelsdorf alltägliche Phänomene und Gegenstände, die durch gezielte Eingriffe oder Neukontextualisierungen im Ausstellungsrahmen erst die Eigentümlichkeiten ihrer Technizität, ihrer Klanglichkeit oder ihrer Struktur zum Vorschein bringen. Wenn er Klicken, Rauschen und elektrisches Surren zu Rhythmen oder Akkorden verdichtet, spielt er mit der Pareidolie, dass heißt mit der Tendenz des Bewusstseins selbst in zufälligen Strukturen oder Erscheinungen nach sinnfälligen Gestalten und Beziehungen zu suchen. Ihres ursprünglichen Funktionszusammenhangs entrissen, werden Lüftungen, Fernsehröhren oder Anrufbeantworter zu Generatoren klanglicher Texturen, die sich, abhängig vom Aufmerksamkeitsmodus des Zuhörers, stets an der Grenze zwischen Rauschen und Musik bewegen. So fangen Neonröhren an zu zwitschern oder ein inszenierter Wasserschaden wird zum Tropfkonzert.

Auf den ersten Blick wirkt der Loop der schnellen Abfolge von „Ton – X – Start“ (2007-09) wie der Countdown am Anfang eines Films, es bleibt jedoch beim immer eneuten Aufflackern dieses Blickmoments. Die Sequenz markiert ausschließlich ihr eigenes Ereignen als Licht/Ton-Impuls, der auf einen geschlossenen Vorhang projiziert wird, als würde er die eigentliche Leinwand, als Fenster zum Illusionären, verhüllen, und lenkt so zurück auf den Innenraum als Ursprungsort der Erscheinungen, die wie hypnagoge Lichtimpulse wirken, die sich vor geschlossenen Augenlidern abspielen. Durch Phasenverschiebung im Zusammenspiel der 6 identischen Loops, die den Rezipienten umgeben, wird die Erwartung maschineller Gleichmäßigkeit durch zufällige Überlagerungen, Reihungen, Figuren, Varianzen unterlaufen, die sich am eindrücklichsten auf der Tonebene vollziehen. Auch das Ensemble der Monitore in der Installation „TV Phase“(2009) zeigt keine Bilder oder filmischen Abfolgen, sondern ist in seinen Licht- und Tonimpulsmustern selbstbezüglich, indem das technische Set auf seine nackten Grundphänomene reduziert ist. Rauschen und Elektrizität, sonst Signalträger, werden selbst zur Sendung. In der Tradition von Cage setzt Wommelsdorf lediglich Rahmenbedingungen, bietet eine Datenmatrix an, die sich erst im augenblicklichen Rezeptionsprozess zu vermeintlichen Kompositionen verdichtet, die genauso schnell wieder zu Rauschen zerfallen können. Mittelpunkt der Inszenierungen werden so die Wahrnehmungsvorgänge selbst.

Genau wie eine Folge von Tönen erst innerhalb eines strukturellen Rahmens zu einer Melodie wird, besteht eine Schrittfolge („Schritte 1–3“) aus einzelnen Geräuschen, die erst in ihrer charakteristischen zeitlichen Abfolge zur sinnfälligen Figur „Schritte“ werden.

Wenn Wommelsdorf Personen darum bittet Sequenzen in Lochstreifen (einem der ursprünglichsten Datenträger in der Geschichte der Automaten) zu stanzen, die später durch Spieluhren hörbar werden, erweckt er synästhetische Imaginationen bei den Urhebern dieser Partituren, deren musikalische Tauglichkeit sich im Spannungsfeld der Übersetzbarkeit von einer in die andere Sinnesmodalität erprobt: Im Extrem funktionieren formschöne Symmetrien dabei nur als „Vorstellungmusik“, reizlose Punktansammlungen wiederum können überraschend interessante Melodien ergeben. Ihr poetisches Potential entfalten diese Strukturen erst in der Interferenz eines den Sinnen übergeordneten imaginären Zwischenraums.

Auch in der Installation „Turntables“ (2012) erhält der Besucher nicht die komplette Kontrolle über das Klangmaterial, wenn er sich als DJ an drei parallel laufenden Plattenspielern betätigen darf. Die Schallplatten bestehen aus zwei zusammengesetzten Hälfen, so dass die abgespielte Rille nach einer halben Umdrehung stets durch einen Wechsel der Musik und dem perkussiven Geräusch der Nähte unter den Tonabnehmern gebrochen wird, wodurch immer neue phasenverschobene Rhythmuscluster und Musikfragmentkombinationen entstehen.

Das Spiel mit der Wahrnehmung wendet Wommelsdorf auch auf den Raum an – mal Koordinaten setzend, mal desorientierend. In einer unbenannten Klang- und Lichtinstallation (2007, zusammen mit Detlef Schlagheck) ist eine feine, stehende Lichtspur, die an ein in der Bewegung eingefrorenes miniaturisiertes Himmelsereignis erinnert (eigentlich ein beleuchteter Nylonfaden), der einzige optische Anhaltspunkt in einem ansonsten total verdunkelten Raum. Der dazu anhaltend ertönende monotone, helle Klang unterstützt die ominöse Lichterscheinung atmosphärisch. Trotz der Ortlosigkeit des Klangs ist zu beobachten, wie die Wahrnehmung ihn, visuell geleitet, dem Objekt als Herkunftsort zuordnet. Dimensionalität von Raum und Objekt bleiben unbestimmbar, die Stimmung vermittelt den entrückten Charakter einer Science-Fiction-Szene.

Geräusche und Objekte können aber auch zu sinnlichen Indikatoren für die Konstruktion von Dimensionalitäten und Relationen werden und neue Raumerfahrungen hervorrufen. Das dumpfe Gluckern und Strömen der Installation „Sacken“ (2011) schickt den Besucher auf den Grund der Elbe, die vor ihm liegt. Die Sandsäcke erinnern ihn gleichzeitig daran, dass sein Standort im Falle einer Sturmflut tatsächlich unter dem Wasserspiegel läge. Die potentiellen Dimensionen der gewaltigen Wassermassen des Flußes werden sinnlich spürbar.

Vom nostalgischen Einsatz von Automaten bis zur Bildhauerei mit Klängen: Das Spiel mit der Ästhetik des reinen Materials und dessen Umspringen in einen übergeordneten Strukturzusammenhang zieht sich als roter Faden durch Wommelsdorfs Werk, das zwischen medienreflektierender Installationskunst und performativer Klangkunst oszilliert.


Sven Lütgen
In: „Heiko Wommelsdorf – 2007-2012“ Heiko Wommelsdorf
2013