Im August 2022 wurde eine Werbefläche (über Ströer direkt) gemietet um einen „Ohrwurm“ zu platzieren. In der Bahrenfelder Chaussee gegenüber 140 in Hamburg waren auf einem weißen Plakat lediglich Rhythmen mit halben Noten und Pausenzeichen abgebildet ohne weitere Beschriftungen oder Verweise auf die Produzenten und Förderer der Arbeit. Ob zu Fuß, per Fahrrad oder mit dem Auto wurden die Passanten mit einem Rhythmus infiziert, der sie aus dem Alltag riss. Mit den Händen klatschend oder auf dem Lenkrad des Autos klopfend konnte die Komposition gespielt werden, die laut Stroeer.de einen durchschnittlichen Frequenzwert von 78.080 Personen am Tag hatte.
Der Begriff „Ohrwurm“ beschreibt ein Musikstück, das sich im Gedächtnis festsetzt und oft unbewusst wiederholt wird. Diese Melodien sind nicht nur in der Popmusik verbreitet, sondern finden sich auch in verschiedenen Musikgenres, von Klassik bis hin zu Jazz und Folk. Studien zeigen, dass Ohrwürmer oft durch bestimmte musikalische Merkmale entstehen, wie zum Beispiel eingängige Melodien, wiederholte Strukturen und einfache Harmonien. Diese Elemente erleichtern es dem Gehirn, die Musik zu verarbeiten und sie im Gedächtnis zu behalten.
Ein weiterer Aspekt, der Ohrwürmer prägt, ist die emotionale Verbindung, die
Hörer zu einem bestimmten Stück aufbauen. Musik hat die Fähigkeit, Gefühle zu wecken und Erinnerungen hervorzurufen, was dazu führen kann, dass ein bestimmter Song immer wieder im Kopf bleibt. Oft sind es auch nostalgische Assoziationen, die dazu führen, dass ein Ohrwurm besonders hartnäckig ist.
Die kulturelle Relevanz von Ohrwürmern ist ebenfalls nicht zu unterschätzen.
Sie sind oft ein Markenzeichen erfolgreicher Songs und können den kommerziellen Erfolg eines Künstlers maßgeblich beeinflussen. Ein Ohrwurm kann dazu führen, dass ein Song in den Charts steigt und sich in der Popkultur verankert. Beispiele hierfür sind Hits wie „Happy“ von Pharrell Williams oder „Call Me Maybe“ von Carly Rae Jepsen, die beide durch ihre eingängigen Melodien und Texte zu weltweiten Phänomenen wurden.
Werbespots nutzen häufig eingängige Melodien, um Produkte im Gedächtnis der Konsumenten zu verankern.
Merci, daß es Dich gibt von Stephan Oberhof
Ice in the Sunshine von Beagle Music Ltd.
Bacardi Feeling von Kate Yanai
Ebenso werden in Filmen und Serien Ohrwürmer eingesetzt, um bestimmte Emotionen zu verstärken oder Charaktere zu definieren.
The Imperial March von John Williams
James Bond Theme von Monty Norman
Halloween Theme von John Carpenter
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Ohrwürmer ein komplexes Zusammenspiel aus musikalischen, psychologischen und kulturellen Faktoren darstellen. Sie sind nicht nur ein unterhaltsames Element der Musik, sondern auch ein bedeutendes Werkzeug in der Kunst und Werbung. Ihre Fähigkeit, im Gedächtnis zu bleiben und Emotionen zu wecken, macht sie zu einem faszinierenden Thema für die Kunstwissenschaft und darüber hinaus.
Der eingängigste Song aller Zeiten ist einer Studie zufolge „Wannabe“ von den
Spice Girls aus dem Jahr 1996. Das Lied erreichte im Eingängigkeitsindex der
Studie, der misst, wie schnell ein Zuhörer eine Melodie erkennen und sich daran
erinnern kann, nachdem er sie nur einmal gehört hat, die höchste Punktzahl.
In der Arbeit „Ohrwurm“ die vom 23. bis zum 29. August 2022 in der Bahrenfelder Chaussee in Hamburg zu sehen war, ging es jedoch nicht um eine eingängige Melodie, sondern um einen Rhythmus. Auch hier zählen emotionale Verbindungen und eingängige sich wiederholende Rhythmen als Merkmale für gute Ohrwürmer.
We Will Rock You von Queen
Feel Good Hit of the Summer von Queens of the Stone Age
Da Da Da ich lieb dich nicht du liebst mich nicht
Aha Aha Aha von Trio
Fußballfans, die sich in einem Stadion zusammenschließen (ganz gleich zu welchem Verein sie sich zugehörig fühlen) um den immer gleichen Rhythmus von „We Will Rock You“ zu klatschen, sind der größtmögliche Beweis der teils zur inhaltsleeren Floskel gewordene Aussage „Musik verbindet“.
Basierend auf der Komposition „Clapping Music“ von Steve Reich (1972) besteht der hier beschriebene „Ohrwurm“ aus einem 12/8 Takt. „Clapping Music“ ist ein minimalistisches Musikstück für zwei Musiker, welches durch das Klatschen mit den Händen gespielt wird. Steve Reich wollte (wie er wörtlich sagt) „… ein Musikstück schreiben, welches kein Instrument außer dem menschlichen Körper benötigt“.
In dieser Komposition wendet Reich die Phasenverschiebung schrittweise an. Die erste Stimme spielt (klatscht) den Basisrhythmus. Dieser 12/8 Takt ist eine Variation eines afrikanischen Glockenspiels, welchen Steve Reich in frühen Jahren als Schlagzeugspieler in Afrika erlernt hat. Der zweite „Instrumentalist“ spielt denselben Takt, wobei er nach jeder 12ten Wiederholung einen Schlag um eine Note nach links verschiebt. Die Phase der zweiten Stimme wird demnach alle 12 Takte um eine Note verschoben. 11 Mal tritt die Phasenverschiebung ein, bis beide Stimmen wieder zusammen (wie zu Beginn) spielen.
Das Stück ist mit seinen ca. vier Minuten ein recht kurzes Stück, welches aber in
seinem Verlauf, mehrere Rhythmen betont. Was in der Beschreibung mathematisch konstruiert klingt, gibt das Stück an sich nicht wieder. Der Rezipient durchläuft in den 12 Wiederholungen eines Taktes in kürzester Zeit eine starke Befremdung zur Rhythmik bis hin zur melodischen Auseinandersetzung des Taktes. Die Anzahl der Wiederholungen harmonieren bestens mit dem Verarbeiten und Aufnehmen dieser Verschiebungen.
Das Werbemedium in der Bahrenfleder Chaussee in Hamburg wurde nachts beleuchtet, weshalb die Arbeit vor allem bei Dunkelheit war genommen wurde. Nach einem „Die Ärzte“ Konzert auf der naheliegenden Trapprennbahn in Hamburg-Bahrenfeld, sind mehrere Tausend Passanten am „Ohrwurm“ vorbeigelaufen oder davor stehengeblieben, um die Komposition mit den Händen zu klatschen.
In dieser Arbeit wurde nicht nachgewiesen, dass Vögel, Raubinsekten und Spinnen die natürlichen Feinde des Ohrwurms sind und das der Helena-Riesenohrwurm der größte Ohrwurm der Welt war und seit 1967 nicht mehr nachgewiesen werden konnte. Er wurde bis zu 84 mm lang. Davon entfielen 50 mm auf die Körperlänge und 34 mm auf die Länge der Greifzangen. Der Körper war glänzend schwarz mit rötlichen Beinen sowie kurzen Deckflügeln.
Ein Bericht von Heiko Wommelsdorf
In: sound/idea #5, Sven Lütgen/Zentrum für Medien der Muthesius Kunsthochschule Kiel, Kiel 2025