Ticken, Brummen, Fingerschnippen? Heiko Wommelsdorfs Arbeiten durchbrechen mit alltäglichen Geräuschen die übliche Stille in Kunstinstitutionen und locken dabei zur Erforschung der Klangursachen im Ausstellungsraum. So ertönen in Heiko Wommelsdorfs Arbeit „Schnippen“ (2014/2016) unterschiedliche Frequenzen eines aufgezeichneten Fingerschnippens, dessen Quelle sowie klangliche als auch visuelle Qualitäten im Raum erkundet werden können. Die Sequenz des Fingerschnippens füllt den Raum durch ihren Klang auf ganz eigene Weise und spiegelt die Architektur mit ihren Besonderheiten wider. Dabei stellt der Klang des Schnippens einen Bezug zu einer einfachen Handlung dar, die sowohl in zwischenmenschlicher Kommunikation wie auch als rhythmusgebendes Element in der Musik Verwendung findet und auf die Alltagspraxis des Testens von Raumakustik durch Architekten oder Musiker verweist. Darüber hinaus kommentiert diese Arbeit ein Jahrhundert Kulturgeschichte des Aufbruchs und der Entgrenzung der Künste und zeigt die aktuelle Suche und Verortung in Heiko Wommelsdorfs zeitgenössischem künstlerischen Ausdruck. Das Schnippen von zwei Fingern transportiert die thematische Durchdringung des Phänomens Klang im Raum und spiegelt die Entgrenzung von Alltagshandlung, Musik und Kunst eindrücklich, effektvoll und doch auch auf scheinbar einfache Weise. Dabei sind die Arbeiten minimalistisch angelegt und erinnern an Versuchsaufbauten. Heiko Wommelsdorf untersucht Klang in all seinen raumspezifischen Färbungen, seinen physikalischen Eigenschaften und auch seinen visuellen Erscheinungsbildern der Erzeugung.

Die Klangkulisse unserer Lebensumwelt hat in der Moderne eine grundlegende Veränderung erfahren, die von der zuvor herrschenden relativen Stille der Natur im Zuge der Industrialisierung und damit einhergehende Verstädterung immer lautere Maschinengeräusche und Kakophonien der Simultaneität hervorbrachte, sodass sich der Geräuschpegel seitdem erheblich steigerte. Diese Veränderungen der klanglichen Präsenz des Lebens beobachtete unter anderem Luigi Russolo (1885-1947), italienischer Maler und Komponist, der die Avantgarde-Bewegung des Futurismus entscheidend prägte. In Bezug auf die Gattung der Musik betonte Luigi Russolo eine notwendige Erneuerung durch die wachsende Bedeutung des nun überall befindlichen Geräusches. In seinem Manifest „L’Arte dei rumori – Die Kunst der Geräusche“, erstmalig 1913 publiziert, proklamiert Luigi Russolo eine Geräuschmusik, die das technisierte Maschinenzeitalter angemessen widerspiegeln sollte. Russolo war Initiator des Bruitismus1 und kreierte sogenannte „Intonarumori“ (Geräuscherzeuger), mit denen er eigene Kompositionen aus Geräuscharten in italienischen Opernhäusern zur Aufführung brachte.

Ideen einer alternativen Geräuscherzeugung und der Integration von Alltagsgeräuschen gegenüber exakt musikalisch bestimmbaren Tönen wurden in vielen nachfolgenden Musikströmungen aufgegriffen, variiert und erweitert. So realisierten zum Beispiel die französischen Komponisten Pierre Schaeffer (1910-1995) und Pierre Henry (*1927) Ende der 1940er Jahre Musikkompositionen von Alltagsgeräuschen, die auf der technischen Neuerung von Schallplatten und später Tonbandaufnahmen beruhten. In den Anfängen der Geräuschmusik seit Beginn der Moderne ist ein starker Bezug zu Technik deutlich, sowie der Versuch Kunst und Leben einander stärker anzunähern. Die Künste entgrenzten sich zunehmend, gingen neue Hybridbildungen ein und differenzierten sich stetig weiter aus – eine Entwicklung, die bis heute andauert und bei Heiko Wommelsdorf besonders evident wird. Während Theodor W. Adorno in Anbetracht der Neuen Musik von einer „Verfransung“ der Musik in andere Künste sprach, sind bei Heiko Wommelsdorf akustische und visuelle Qualitäten in seinen Arbeiten nicht nur verfranst, sondern oftmals untrennbar miteinander verwoben und bedingen sich rückhaltlos gegenseitig. Form und Klang, Funktion und Erscheinung sind einander dabei konstitutiv. Akustische und optische Elemente bedingen und befruchten sich wechselseitig in seinen Arbeiten.

Dabei knüpft Heiko Wommelsdorf an das Gedankengut der frühen Avantgarden einerseits an, erweitert dieses zugleich aber auch auf bedeutsame Weise. Russolo, Schaeffer und weitere forderten die Integration von Geräuschen in musikalische Kompositionen. Auch John Cage (1912-1992) postulierte etwas später in seinem 1937 erstmalig vorgetragenen Manifest „The Future of Music – Credo“ die Gleichwertigkeit von Geräuschen und Musik, sowie eine Verwendung aller Klänge einschließlich alltäglicher und elektronischer Geräusche, setzte Pausen und Stille demonstrativ ein und hinterfragte das Aufführungssystem von Musik hierdurch systemimmanent.2 Heiko Wommelsdorf baut hierauf auf, aber verlässt dabei zugleich den Rahmen der musikinstitutionellen Klangerzeugung wie auch Tonpräsentation vollständig und kreiert vielmehr raumbezogene audio-visuelle Klangskulpturen, die sich jenseits einer kompositorischen Aufführungssituation von Musik bewegen. Diese werden dabei doch auch wieder indirekt zitiert und in den zumeist noch immer visuell geprägten Ausstellungsraum verbracht, der bei ihm vorrangig klanglich ausgelotet wird.

So wie sich die Musik seit Anfang des letzten Jahrhunderts in Veränderung befindet, öffnete sich auch die bildende Kunst. Insbesondere in den Avantgarde-Strömungen, wie dem Dadaismus und Futurismus, wurde eine Nähe zum Alltagsleben forciert und klassische Genregrenzen durch den Einbezug von Alltagsgegenständen und performativen Elementen erweitert. Eine der bekanntesten und prägendsten Zäsuren besteht in Sprach- und Handlungsakten wie in der Erfindung des sogenannten „Readymades“, das Marcel Duchamp (1887-1968) für sich postuliert. Hierdurch verändert sich der Kunstbegriff eklatant, insbesondere das skulpturale Schaffen erfährt eine starke Wandlung und unterschiedliche neue Kunstformen, wie die Installation und die Klangkunst bildeten sich heraus.

Auf diese inzwischen historisch zu nennenden Veränderungen greift Heiko Wommelsdorf nun ein Jahrhundert später zurück und spielt mit ihnen auf eigene Weise. So verwendet er vielfach ebenfalls gefundene, industrielle Nutzgegenstände, die er jedoch nicht skulptural oder installativ alleinig zur Betrachtung ausstellt, sondern vielmehr ihre oftmals unbeachteten klanglichen Qualitäten akzentuiert, um so ein dichtes Netz der Funktion, des Verweises und der Wahrnehmung visueller Raum-Klang-Experimente zu schaffen. Die inhaltlich-ideologischen Entgrenzungen in bildender Kunst und Musik führt Heiko Wommelsdorf in seinen Klangskulpturen zusammen und betont dabei den performativen Augenblick des Erlebnisses in konkreten Räumen wie auch den Eigenklang der Objekte. Konstitutiv werden diese Aspekte im situativen Erleben des Rezipienten, dessen wache Aufmerksamkeit mit Wommelsdorfs Arbeiten herausgefordert wird. Aktives Wahrnehmen und Erkunden führt zur Erschließung seiner Arbeiten auf perzeptiv-emotionaler Ebene. Dabei wird der Klang per se in seiner Verfasstheit sowie die akustische Wahrnehmung durch den Rezipienten als solche betrachtet.

Bei Wommelsdorf ist die Wahrnehmung im Raum ein entscheidendes Element. Er rekurriert mit seinen wahrnehmungsästhetischen Klangarbeiten zugleich auf Aspekte der Institutional Critique4 von Klangkunst in Institutionen sowie hiermit verbunden auf eine Auseinandersetzung mit Theorien des White Cubes, die seit Brian O’Doherty diskutiert werden. Steven Connor beschreibt die visuelle Ausrichtung der Architektur von Ausstellungsräumen folgendermaßen: „The interior spaces of galleries are disposed in Euclidean straight lines and perpendicular planes, presumably because that is how light travels and how vision works. […] Unlike light, sound goes round corners. Sound work makes us aware of the continuing emphasis upon division and partition that continues to exist even in the most radically revisable or polymorphus gallery space, because sound spreads and leaks, like odour.“5 Die Entwicklung und Ausbreitung des Sounds in den Raum hinein untersucht Heiko Wommelsdorf mit seinen vielschichtigen Arbeiten auf stets neue, situative Weise. Hierbei verwendet er gezielt ausgewählte Klänge als Material und Inhalt seiner Arbeiten und erhebt nicht zufällige Alltagsgeräusche zur Kunst. Er tariert überlegt und konzeptuell einzelne Klangerfahrungen bestimmter Objekte im Raum mit ihren speziellen Klangparametern aus und erschafft dadurch neue, konzentrierte Hörerlebnisse. Situativ und raumbezogen verstärkt er Eigengeräusche der Objekte wie auch des Umraumes. Der Begriff der „Klangorganisation“, den John Cage anstelle der Bezeichnung Musik vorschlägt, könnte in Bezug auf die Arbeiten Heiko Wommelsdorfs zu einer visuell-akustischen Raum-Klang-Organisation ergänzt werden.

Die Architektur des Ausstellungsraumes und ihre klangliche Organisation ist bei Heiko Wommelsdorf stets entscheidender Teil der Arbeit, da sie den Resonanzkörper bildet, der nicht nur die Hülle der Präsentation darstellt, sondern darüber hinaus in seiner räumlichen Verfasstheit in jedem akustisch-visuellen Erlebnis mitschwingt und dieses auch erst konstitutiv ermöglicht. So hat jeder Raum ein akustisches Profil, das durch Raumbedingungen wie Volumen, Proportion und Materialien, aber auch den Inhalt des Raumes bestimmt wird, und das seinerseits wiederum die Klangentwicklung innerhalb dieses Raumes bestimmt. Ihren vollen Klang entfalten Schallerzeuger somit durch die Eigenfrequenz des Raumes, in dem sie sich befinden. Diese Eigenfrequenzen interessieren Heiko Wommelsdorf, der die vorhandenen raumphysikalischen Phänomene ästhetisch nutzt und seine Klanginstallationen aus ihren Parametern kreiert. Wommelsdorfs Arbeiten sind daher angesiedelt zwischen Aspekten der Klangforschung, Skulptur und Installation, des Raumes und der Architektur sowie Atmosphäre, wobei er jeweils eigene Hybridformen zu erschaffen in der Lage ist.

Für seine künstlerischen Arbeiten nutzt Heiko Wommelsdorf vorhandene Eigenklänge von Alltagsgegenständen, die bei deren Herstellung zumeist nicht bedacht wurden, sondern eher eine Art Störmoment darstellen, insbesondere im Ausstellungsraum als Ort der vorrangig visuellen, stillen Kontemplation. So setzt Wommelsdorf Klang ins Verhältnis zum Ausstellungsraum. Hierfür macht er sich den Raum der Ausstellung sowie die sich hierin typischerweise befindlichen und dabei normalerweise kaum wahrgenommenen Objekte, wie zum Beispiel Lüftungsklappen, Luftbefeuchter oder raumklimatische Messinstrumente, als künstlerisches Material in akustischer Weise zu eigen.

Bereits Andrea Palladio (1508-1580), italienischer Architekt der Renaissance, bezog in seine Gebäudeplanungen die Akustik der Räume mit ein. In Bezug auf frühe Klimatechniken in italienischen Landhäusern bei Costoza berichtete Palladio vom Klang der Kamine – die er „Gefängnis der Winde“7 nannte –, da diese aufgrund eines unterirdischen Luftschachtsystems in Schwingungen gebracht wurden und pfeifende oder gar ‚heulende’ Geräusche verursachten. Ein zeitgenössisches Pendant dieser Beobachtungen finden wir in Heiko Wommelsdorfs Arbeit „Abluft“ (2012). In dieser Klanginstallation baut Wommelsdorf einen Lüfter mit Verschlussklappe in eine Trockenbauwand ein und erzeugt so einen Klang, der sich über den Hohlkörper verstärkt durch den ganzen Raum ausbreitet. In ähnlichem Prinzip verfährt er mit vorhandenen Heizkörpern in seiner Arbeit „Resonanzkörper“ (2014), deren Rauschen, Gluckern und Pochen die Raumwahrnehmung beeinflusst.

So lässt Wommelsdorf den Klangkörper des Raumes hörbar werden. Dabei reflektiert er die Bedeutung von Resonanz als raumtypische, abhängige Eigenfrequenz mit deren spezifischen Bedingungen und Auswirkungen. Die Parameter eines Raumes schwingen in der Resonanz eines Klanges mit, sodass die Schallereignisse im Raum auf je eigene, charakteristische Weise eingefärbt wahrgenommen werden. Der Begriff der Resonanz vermittelt sowohl auf physikalischer wie auch symbolisch-ideeller Ebene ein Mitschwingen eines Körpers in einem anderen Körper. Wie Jean-Luc Nancy in seiner Schrift „Zum Gehör“ eindrücklich ausführt, hören wir immer sowohl mit als auch in unserem und durch unseren Körper, was dem Hörsinn eine besondere Ereignishaftigkeit zukommen lässt, die stets subjektiv geprägt ist.

Wommelsdorfs künstlerische Setzungen entfalten sich demnach in der Zusammenwirkung des Raumkörpers der Architektur des Ausstellungsraumes mit dem Körperraum der Rezipienten, die sich wiederum in der Ausstellung bewegen und diese akustisch wahrnehmen, sowie die Raumakustik durch ihre Anwesenheit verändern. Jean-Luc Nancy betonte sogenannte „otoakustische Emissionen“ als wichtiges Element des Hörens als Erkenntnisprozess, „[…] die das Innenohr des Hörenden produziert: oto- oder auto-, selbstproduzierte Klänge, die sich unter die empfangenen Klänge mischen, um sie zu empfangen. Die gesamte Schall- und Klangpräsenz ist somit aus einem Komplex von Verweisen gemacht, deren Verknüpfung in der Resonanz oder ‚Sonanz‘ des Schalls liegt.“ Der Begriff der Resonanz bezeichnet audio-visuelle Wirkungen von (architektonischen) Körpern auf Menschen, die grundlegend durch das physikalische Phänomen von Schwingungen, die im Raum verstärkt werden, geprägt sind. Menschlicher Körper und Architekturkörper verweisen aufeinander und bilden einen Zusammenklang, der die akustischen Signale, die Heiko Wommelsdorf mit seinen Arbeiten kreiert, wiederum aufnimmt und reflektiert.

Orte werden durch akustische Gestaltungen und Eigengeräusche definiert, die Wommelsdorf durch minimale Eingriffe akzentuiert, verstärkt oder auch transformiert. Er versteht sich auf kleine, subtile Gesten mit großer akustisch-visueller Wirkung, die das Übersehene, Überhörte und Ausgeblendete ins Zentrum der Wahrnehmung rücken. Hierbei kreiert er ein Zusammenspiel von teilweise bereits vorhandenen Gebrauchsgegenständen, die man in der Alltagswahrnehmung oftmals als unwichtig ausfiltert, mit den jeweiligen Raumbedingungen und akustischen Grundparametern der Klangentwicklung und Schallverbreitung. Seine ‚akustischen Readymades’ in einem erweiterten Klangverständnis arbeiten mit Alltagstönen, die in Ausstellungssituationen normalerweise eliminiert sind, aber durch technische Geräte im Ausstellungsraum doch wieder eine entscheidende Rolle in der Unterbrechung der Stille spielen. Dabei faszinieren Wommelsdorfs komplexe Hörereignisse durch ihre scheinbare Schlichtheit, die eine starke Konzentration und Reduktion in sich bergen und Schallphänomene auf minimalistische Weise erlebbar machen. Als Schall werden Wellen, also elastische Schwingungen, von vorrangig gasförmigen, aber auch festen und flüssigen Körpern bezeichnet, die Hörwahrnehmungen hervorrufen. Wommelsdorf nutzt in seinen künstlerischen Installationen schwingungsfähige Systeme zur Erzeugung, Verstärkung und Transformation von Klang. Dabei beschreibt die physikalische Definition von Schall eine Welle, deren Ausbreitungsgeschwindigkeit von der Dichte und Temperatur des Trägermediums abhängig ist. Neben Raumparametern wie Wänden stellt Luft ein entscheidendes Trägermedium des Schalls im Ausstellungsraum dar, das Heiko Wommelsdorf gezielt einsetzt.

Nicht zufällig sind ein Thermohygrograph als Messinstrument zur Erfassung der relativen Luftfeuchtigkeit und der Lufttemperatur im Raum, sowie ein Luftbefeuchter zur Regulierung der Luftfeuchtigkeit Material und Inhalt von zwei Arbeiten, die Heiko Wommelsdorf in der Städtischen Galerie Reutlingen präsentiert. Hierdurch thematisiert er die klimatischen Raumbedingungen als konstitutiv für Klangerzeugung und wählt dabei zwei Instrumente aus dem Ausstellungswesen, die insbesondere in musealen Institutionen anzufinden sind und einen erstaunlichen Eigenklang besitzen. So ticken die mechanisch aufgezogenen Thermohygrographen regelmäßig während ihrer Aufzeichnung, während die Geräte zur Regulierung der Luftfeuchtigkeit ein sonores Brummen von sich geben. Diese Geräusche, die wir aus unserer aktiven Wahrnehmung gewöhnlich ausblenden, um uns auf das scheinbar Wesentliche zu konzentrieren, das im Ausstellungswesen vielfach noch immer in der visuellen Sphäre verortet wird, setzt Heiko Wommelsdorf gezielt zur Irritation und Aufmerksamkeitssteigerung ein. Grundbedingungen von Klang als künstlerischem Material im Ausstellungsraum werden hierbei auf doppelte Weise in den Arbeiten selbst thematisiert.

Der Fokus des Betrachters wird mit Heiko Wommelsdorfs Arbeit „Thermohygrographen“ (2014/2016) auf die sich stets in Veränderung befindliche Luftfeuchtigkeit und Temperatur im Raum gelenkt, deren momentane Aufzeichnung im Inneren des Thermohygrographen ebenso betrachtet werden kann wie raumklimatische Notationen vorheriger Ausstellungssituationen. Präsentiert werden die Messgeräte, die normalerweise eher unauffällig in Ecken, auf Fenstervorsprüngen oder an der Tür platziert sind, bei Heiko Wommelsdorf auf weißen Sockeln im Raum, wodurch er sowohl ihre klanglichen wie auch visuellen Aspekte betont. Das gleichmäßige Ticken der Mess- und Aufzeichnungsgeräte verändert sich je nach Raumatmosphäre und registriert die klimatischen Bedingungen. Heiko Wommelsdorf kreiert mit seiner Arbeit „Thermohygrographen“ ein dichtes Netz aus Verweisen, die das Verhältnis von Ursache und Wirkung des Klangs, von Kreation und Reaktion, physikalischen Grundparametern und experimentellem Ausloten von Grenzen visuell und akustisch zu einer dichten und doch auch einfach und vertraut wirkenden Klang-Skulptur vereinen. Diese Klang-Objekte erheben augenzwinkernd ein Kontrollgerät der klimatischen Bedingungen des Ausstellungsraumes, die insbesondere für Klangkunst konstitutiv sind, auf institutionskritische Weise auf einen Sockel und eröffnen so eine Diskussion über künstlerische, kuratorische und rezeptionsästhetische Fragen des Umganges mit und der Bedingungen der Präsentation von Klangkunst.

Heiko Wommelsdorfs Klang-Objekte sind somit mehrschichtig auf einer Metaebene lesbar. Neben dem aktiven Erforschen von Klangphänomenen, wodurch Raumparameter ebenso wie Eigenklänge fokussiert werden, stehen stets auch Überlegungen zu Bedingungen der Entstehung, Rezeption und Präsentation von Klang, die humorvoll mit kleinen, aber exakt durchdachten, wirkungsstarken Gesten zu erstaunen vermögen. Heiko Wommelsdorf erkundet mit seinen minimalen ästhetischen Setzungen die skulpturalen, raumgreifenden Qualitäten von Klang und zugleich die klanglichen Qualitäten des Raumes und bringt beide in neuem Zusammenspiel zum Klingen.


Julia Katharina Thiemann (Kuratorin)
In: „Heiko Wommelsdorf – Atelier“, Städtisches Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen, Kehrer Verlag, Heidelberg

2016